Es gibt keine Naturwissenschaften

Naturwissenschaften haben den Anspruch, Wissen über die Natur zu erzeugen. Schon, wenn wir uns die Gegenstände, über die diese Disziplinen uns vorgeblich Wissen bereitstellen wollen, genauer ansehen, fällt uns aber auf, dass es diese Gegenstände eigentlich gar nicht gibt.
In einem besonderen Dilemma befindet sich gerade die Wissenschaft, die gern die Vorbildrolle für alle anderen übernehmen möchte: die Physik, die Wissen über die Natur unveränderlicher Objekte erlangen möchte – jeder weiß, dass es solche Objekte gar nicht gibt.

Keine Naturwissenschaft erforscht wirklich die Natur in ihrer Ursprünglichkeit, immer werden nur Ausschnitte aus dieser Natur betrachtet, wobei das Wort “Ausschnitt” hier ganz wörtlich genommen werden muss: Der Gegenstand der Untersuchung wird aus der Natur herausgeschnitten, isoliert, die Verbindungen mit allem anderen draußen in der Welt werden gekappt – so wird gerade das, was Natur zur Natur macht, zerstört.

Keine wirkliche Wissenschaft verdient deshalb den Titel Natur-Wissenschaft, alles ist Kultur- ja man könnte sogar sagen: Kunstwissenschaft, weil es die Wissenschaft von einer künstlich gestalteten, gebauten Welt ist.

Im besten Falle könnten wir das, was sich Naturwissenschaft nennt, noch als Technikwissenschaft bezeichnen. τεχνη – das war bei den alten Griechen noch das Wort, was gleichermaßen für Kunst und Handwerk stand, das Gestalten, das Gestalt-werden-lassen. Alle Wissenschaften, die sich heute mit dem Wort “Natur” schmücken, sind in Wahrheit Lehren von Techniken, die einen bestimmten Ausschnitt der Welt beherrschbar, kontrollierbar machen – allerdings immer nur bis zu einem gewissen Grade, wie wir wissen.

Warum scheut sich die Wissenschaft davor – einzugestehen, dass sie nur Kenntnisse über selbst geschaffene Kunst-Werke erlangen kann, und niemals über die Natur? Schließlich ist ihr der Erfolg bei der Schaffung dieser Werke doch nicht abzusprechen.

Die Antwort ist ganz einfach: Nur durch die Behauptung, etwas über die Welt selbst und nicht nur über die eigenen Konstruktionen und Apparate herauszufinden, kann die Wissenschaft ihren Anspruch rechtfertigen, sichereres Wissen zu erzeugen als es die Kunst, die Kultur, die praktische Erfahrung des Handwerks, der Sport kann. Die Wissenschaft möchte die moderne Gesellschaft dominieren – und das kann sie nur, wenn sie ihre Erkenntnisse als allgemein-gültig, dauerhaft und unabhängig von den eigenen Erkenntnis-Werkzeugen preist.

Letztendlich kann ein solcher Anspruch beim Außenstehenden nur Mitleid erwecken. Denn wer nicht erkennt, dass er sich nicht draußen in der Natur sondern drinnen im Labor befindet, kann sich beim Anrennen gegen die Wände seines “Kerkers” – des “verfluchten, dumpfen Mauerlochs” nur Beulen holen.

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