Klären und Erklären

Wissenschaften suchen nach Erklärungen, aber was eine Erklärung eigentlich ist und wann ein Text, sei es ein Vortrag, ein Fachartikel, ein Lehrbuch oder ein allgemeinverständlicher Beitrag in einer Zeitung, eine gute, akzeptable oder befriedigende Erklärung enthält, darüber gehen die Meinungen auseinander. Es gibt die Vorstellung, Erklärungen müssten Ursachen oder Gründe für eine Tatsache angeben. Es gibt auch die Idee, eine Erklärung solle die Rückführung eines Faktes auf ein allgemeingültiges Gesetz sein.

 Beide Ansätze, und es gibt weitere, sind nicht deckungsgleich, und somit bleibt die Frage, wann eigentlich eine Wissenschaft ihr Ziel, eine Erklärung gefunden zu haben, erreicht hat, merkwürdig offen. Ich habe schon viel darüber nachgedacht und verschiedene Ansätze, dieses Problem zu lösen, geprüft, aber so richtig zufrieden bin ich noch nicht. Hier will ich den gegenwärtigen Stand meiner Überlegungen skizzieren.
Zunächst einmal scheint es mir sinnvoll, ganz bewusst das „Klären“ vom „Erklären“ zu unterscheiden. „Klären“, das hat immer etwas vom „Trennen“, wenn eine Flüssigkeit sich „klärt“ oder geklärt wird (man denke nur an eine Klär-Anlage) dann werden die flüssigen, durchsichtigen Bestandteile vom festen, aufgeschlämmten Teil getrennt, zurück bleiben eine durchsichtige, saubere Sache und ein trüber, giftiger Bodensatz.

Ich finde diese Doppeldeutigkeit des „Klärens“ interessant: Auf der einen Seite das ganz wertfreie, neutrale „Trennen“ eines undurchsichtigen Gemisches in seine Bestandteile, das Zerlegen in Komponenten, das Analysieren. Auf der anderen Seite ist damit ein Absondern des Unbrauchbaren, nicht Erwünschten, Störenden vom Wesentlichen, Brauchbaren, Verwertbaren verbunden. Die Abwässer werden „geklärt“ – zurück bleibt das klare Wasser, dem weiteren Gebrauch zuzuführen – und der „Klärschlamm“, den man entsorgen muss.

Klären, das ist also immer ein Zweifaches: der analytische Blick bringt Ordnung in in die Unübersichtlichkeit der Dinge, grenzt ab und grenzt ein, macht überschaubar. Gleichzeitig trennt er das, was „klar wird“, von dem was „trüb bleibt“ – in der Hoffnung, mit dem „Geklärten“ das Wesentliche getroffen zu haben, wobei es mit gutem Grund ja auch umgekehrt sein kann: Das was geklärt ist, wird zum Wesentlichen erhoben, weil es verwertbar ist – auf das Ungeklärte kann man auch gern verzichten, es ist nicht nur der trübe rest, sondern auch unbrauchbar, eben weil es ungeklärt bleibt. Es ist Störung, Rauschen, Fehler.

Ist nun „Erklären“ mehr als „Klären“?

Man merkt den Unterschied, wenn man einmal die zwei folgenden Sätze miteinander vergleicht:

  • Ich kläre das.
  • Ich erkläre das.

Der zweite Satz fordert immer eine Auskunft über einen Adressaten. Wem erklärst du etwas? Natürlich kann man sich auch selbst etwas erklären, aber zumeist erklärt man sich nicht selber etwas, sondern jemandem anders: Erklären ist immer ein sozialer Prozess, eine Erklärung gibt jemand, und sie wird jemandem gegeben.

Diese beiden müssen sich zuvor darüber geeinigt haben (zumeist natürlich innerhalb einer größeren Gemeinschaft) was als eine gute, eine befriedigende Erklärung gilt. Eben das scheint aber auch von dieser Gemeinschaft, von ihrem Konsens abzuhängen. Das, so scheint mir, ist der Schlüssel dafür, warum es keinen klaren, allgemeinen Begriff der Erklärung gibt: Was jemand als Erklärung gelten lässt, hängt davon ab, ob sie befriedigend für ihn ist, ob er mit ihr zufrieden ist.

Innerhalb bestimmter, relativ abgegrenzter Gemeinschaften wird festgelegt und kann gelernt werden, was als Erklärung gilt. Das können, auch innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft, ganz unterschiedliche Aussagensysteme sein. Unter theoretischen Physikern kann es Konsens sein, die Beschreibbarkeit eines Phänomens mit einem mathematischen Modell als Erklärung zu akzeptieren, unter Biologen mag es eine befriedigende Erklärung sein, wenn das Phänomen aus kausalen Zusammenhängen von Funktionen der Teile des betrachteten Systems abgeleitet werden kann. Unter Sozialwissenschaftlern wiederum kann es in bestimmten Situationen als Erklärung gelten, wenn die Gründe für das Handeln von Personen, zusammen mit der Annahme einer gewissen Rationalität bei den Handelnden, als Ursache für Ereignisse aufgefunden werden können. So ähnlich wird es auch in den meisten Fällen der Verwendung des Erklärens-Begriffes im Alltag sein. Diese verschiedenen Erklärungsmuster können verwandt sein, sie können sich im Einzelnen stark unterscheiden – das wäre ein anderes Mal zu untersuchen.

Für heute genügt es mir, festgestellt zu haben dass das Erklären eine soziale Angelegenheit ist, die einen Zustand des Zufriedenseins beim Erklärenden und vor allem bei dem, dem etwas erklärt wird, hervorruft. Was dabei als befriedigend akzeptiert wird, ist eine Sache des Konsens der Gemeinschaft, in der die beiden sich begegnen, aber auch eine Sache des persönlichen Gefühls, den Zufriedenheit ist ja etwas, das sich immer beim Einzelnen einstellt.

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