Es gibt keinen Islamismus

Der größte Fehler des Westens in den vergangenen 10 Jahren war es, den Terror, der von einer Gruppe bärtiger arabisch sprechender Männer ausging, als „islamistisch“ zu bezeichnen. Der gleiche Fehler besteht darin, Angriffe auf die Würde und die freie Selbstbestimmung von Frauen mit dem Attribut „islamistisch“ zu belegen. Die sprachliche Abgrenzung zwischen „islamisch“ und „islamistisch“ ist unklar, zumal es keine entsprechende Abstufung bei anderen Religionen gibt – so wird impliziert, dass dieser Terror und diese Unterdrückung von Frauen irgendetwas mit der Religion des Islam zu tun haben würde. Und das ist nicht nur falsch – es behindert die Lösung des Problems.

Ein kurzer Blick auf die jüngere Geschichte der anderen großen abrahamitischen Schrift-Religionen zeigt: Auch dort gab und gibt es Terroristen, die sich auf ihren Gott und ihre Religion berufen, ohne dass wir sie als „judistisch“, „katholizistisch“, „protestantistisch“ oder gar „christlistisch“ bezeichnen würden, ebenso wenig wie jene radikalen Frauen-Unterdrücker, die sich auf den christlichen oder jüdischen Gott berufen.

Islamische Theologen haben, ebenso wie ihre Kollegen von den katholischen und evangelischen Fakultäten, längst nachgewiesen, dass Radikale und Terroristen sich niemals zu Recht auf den Koran oder die Bibel berufen können. Deshalb ist es auch falsch, diese Verbrecher als „Fundamentalisten“ zu bezeichnen, sie haben mit dem Fundament des Glaubens, auf den sie sich berufen, nichts zu tun, egal, welche Religion sie für sich reklamieren.

Selbstverständlich gab es zu allen Zeiten ideologische Volksverhetzer, die sich das Unwissen der Masse zu Nutze gemacht haben um das jeweilige alte heilige Buch einer Religion in ihren Dienst zu nehmen. Das das möglich ist, ist ein inhärentes Problem aller Schrift-Religionen, die behaupten, dass die absolute und ewig gültige Wahrheit in einem alten, vielschichtigen Text als Botschaft zu finden sei, die nur von einer kleinen kompetenten Schicht von eingeweihten Priestern erkennbar sei. Das ist aber kein besonderes Problem des Islam und wir können sicher sein, dass auch immer wieder Hassprediger zum Terror und zur Unterdrückung aufrufen werden, die sich auf das Alte oder das Neue Testament berufen.

Im Alltag der säkularisierten Gesellschaft ist der Islam nicht vom Christentum zu unterscheiden, es gibt überall eine liberale Version des gelassenen Umgangs mit dem möglichen Gotteszorn und Varianten der Dummheit, des Missbrauchs der Religion, und der Angst. Diese Gemeinsamkeit ist der entscheidende Ansatz, um den Terror, der sich unter dem Namen Allahs heute auf der Erde ausgebreitet hat, in den Griff zu bekommen.

Die Grenze verläuft nicht zwischen der Islamischen und der Christlichen Welt, nicht zwischen säkularem und fortschrittlichem Abendland und rückständig-religiösem Orient. Die Grenze verläuft zwischen denen, die eine liberale Gesellschaft wollen, in der jeder Mensch geachtet wird, und denen, die eine solche Welt bekämpfen. Feinde der Menschenwürde gibt es überall, auch unter Atheisten, ebenso wie die, denen die Menscherechte das höchste Gut sind. Darauf können sich Moslems, Christen, Juden mit Vertretern anderer Religionen ebenso verständigen wie mit Atheisten. Das Wort „Islamismus“ steht einer solchen Verständigung im Weg, es grenzt diejenigen aus, die zu uns gehören.

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