Gefährliche Wissenschaft?

ResearchBlogging.orgIn diesen Tagen beginnt das Jahr der Chemie, und das ist der ersten Nummer von nature vom 06.01.2011 eine ganze Reihe von Beiträgen wert. Besonders nachdenklich stimmte mich der Beitrag des Chemikers David Nichols auf Seite 7. Nichols blickt bereits auf eine langjährige erfolgreiche Forscher-Laufbahn zurück, die vor allem der Synthetisierung von Wirkstoffen auf dem Feld der medizinischen Chemie gewidmet war.

In den letzten Jahren hat er die bestürzende Erfahrung gemacht, dass die Ergebnisse seiner Forschung nicht nur für die Heilung von Menschen, sondern auch als synthetisches Rauschgift und damit als Mittel, Menschen zu schaden und zu töten, verwendet wurden.

Nichols war entsetzt, und sein Text offenbart, dass er an dieser Erkenntnis schwer zu tragen hat. „I have never considered my research to be dangerous, and in fact I hoped one day to develope medicines to help people“ (Ich habe meine Forschung nie als gefährlich angesehen und in der Tat habe ich gehofft, dass ich eines Tages Medizin entwickle, die Menschen hilft) – das ist der zentrale Satz.

Zunächst war ich über die Naivität des Wissenschaftlers verblüfft. Konnte ihm wirklich 40 Jahre lang verborgen bleiben, dass man mit den Forschungsergebnissen seines Fachs nicht nur Medizin, sondern auch tödliche Drogen herstellen kann? Konnte ihm wirklich entgangen sein, dass jede wissenschaftliche Forschung zum Nutzen und zum Schaden der Menschen einsetzbar war? War es tatsächlich möglich, dass ein Naturwissenschaftler, der die beste Zeit seiner Forschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbracht hatte, nie über Atombomben, über Chemiewaffen und biologische Kriegsführung nachgedacht hatte?

Aber vielleicht ist dieses Fragen, das schon ein Urteil enthält, ungerecht oder falsch. Nicht jede Forschung läuft gleichermaßen Gefahr, missbraucht zu werden. So ist die Antwort auf die Frage, wie sich das Weltall entwickelt hat, wie Kontinente entstanden oder ob Nero wirklich Rom angezündet hat, nicht im gleichen Sinne für die Waffenproduktion nutzbar wie die Forschung an energie-freisetzenden Verfahren, und unerwünschte Nebenwirkungen sind von den Ergebnissen der Goethe-Forschung weniger zu befürchten als von der Forschung an künstlich synthetisierten Chemikalien.

Aber wenigstens jeder Forscher, der an der praktischen Beherrschbarkeit der Welt mitwirkt, sollte sich der Tatsache bewusst sein, dass die Bilanz von Schaden und Nutzen seiner Arbeit sich nicht vorhersagen lässt, und dass sie mit seinen Wünschen und Hoffnungen nichts zu tun hat. Ein Chemiker kann sein Leben lang an Mitteln gegen schwere Krankheiten arbeiten und am Schluss doch nur die Grundlage für Gift und Zerstörung gelegt haben – das ist ja gerade das Wesen der Forschung, dass sie auf unbekanntes Gelände vordringt und dieses Gelände erkundend verwandelt, auf eine Weise, die nicht vorhersehbar ist.

Ehrlichkeit ist notwendig: Nicht der Nutzen verschafft dem Wissenschaftler die Befriedigung, sondern die Erkenntnis des Neuen, ob es nützlich ist oder nicht. neugier ist – im besten Falle, sein Antrieb. Wer sicher sein will, dass seine Neugier sich auf ungefährliches richtet, der darf nicht ins Labor gehen, der darf auch nicht am Schreibtisch die Voraussetzungen für experimentelles Arbeiten schaffen – er sollte sich mit Homer beschäftigen oder Exoplaneten zählen.

Aber, so kann man einwenden, die Gesellschaft ist mehr am praktischen Nutzen der Wissenschaft interessiert als an den geistigen Freuden. Wir sind nicht mehr bei der interesselosen Spekulation der alten Griechen. Auch das ist richtig – und das sollte auch David Nichols bedenken: Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass die gefährliche Forschung gewollt ist, dass man ihre Segnungen nutzen will und dass man ihren Schaden begrenzen kann. Ob dieser Konsens berechtigt ist, das ist eine andere Frage, und sicherlich sind erfahrene Forscher wie Nichols die besten Experten um die Bilanz ihrer Disziplin ehrlich zu bewerten. Ohne Schönfärberei aber auch ohne voreiliges Bedauern müssen die – oft über Politik, Wirtschaft, Markt und Erziehung vermittelten, Auswirkungen der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklungen analysiert werden. Nicht Reue und Entsetzen ist notwendig, sondern der kritische Diskurs über die Grundannahmen unseres Zusammenlebens.
Nichols D (2011). Legal highs: the dark side of medicinal chemistry. Nature, 469 (7328) PMID: 21209630

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13 Antworten auf Gefährliche Wissenschaft?

  1. Andre sagt:

    Ohne Schönfärberei aber auch ohne voreiliges Bedauern müssen die – oft über Politik, Wirtschaft, Markt und Erziehung vermittelten, Auswirkungen der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklungen analysiert werden. Nicht Reue und Entsetzen ist notwendig, sondern der kritische Diskurs über die Grundannahmen unseres Zusammenlebens.

    Das ist schon Schönfärberei, denn der “kritische Diskurs” kann doch gar nicht anders, als den durch die Forschung geschaffenen Fakten hinterher zu laufen und, so er nicht als “fortschrittsfeindlich” sich denunzieren lassen will, sie im nachhinein zu legitimieren. Und irgendein Blinder oder “Böser” der sie zum Schaden für andere nutzt findet sich immer. Was dazu führt, daß auch die “Guten” diese Technik/Waffe brauchen um dem nicht ausgeliefert zu sein. Und die “Bösen” sind natürlich immer die Anderen. Und natürlich muß weitergeforscht werden, schon um die negativen Auswirkungen zu minimieren. Vor allem aber um das Innovationsbedürfnis unserer kapitalgetriebenen Wirtschaftsweise zu befriedigen. Die private Neugier des Forschers spielt da ehr eine untergeordnete Rolle, niemand baut aus Neugier ein LHC. Der Kapitalismus aber stirbt, wenn er keine verwertbaren Innovationen mehr hervorbringen kann. Und dann?
    Heute ist der 15. Januar:

    “Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der Gerechtigkeit, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die Freiheit zum Privilegium wird.” R.Luxemburg

  2. Sven Türpe sagt:

    Der Kapitalismus aber stirbt, wenn er keine verwertbaren Innovationen mehr hervorbringen kann.

    Sollte dieser Zustand je eintreten, werden wir auch keinen Kapitalismus mehr brauchen. Das ist ja sein Erfolgsgeheimnis, die unbedingte Bereitschaft zur Anpassung an die Realität.

    • Andre sagt:

      die unbedingte Bereitschaft zur Anpassung an die Realität.

      du meintest sicher die unbedingte Bereitschaft zur Anpassung der Realität an das eigene Bedürfnis; sonst hinkt dein Satz mächtig. Oder wo hat sich jemals der Kapitalismus an eine Realität angepasst? Doch höchstens dann, wenn ihm die Mittel fehlten sie zu ändern.

      • webbaer sagt:

        Manche nutzen den Begriff Marktwirtschaft, der das natürliche kooperative zwischenmenschliche Handeln in Zivilisationen (“Verbürgerlichungen”) recht ordentlich beschreibt und ohne dem doofen Kapital (“caput”, Kopf, metaphor. Münzgeld) und ohne dem doofen Ismus (“Lehre”) auskommt.

        Ein so verstandener nicht lehrender “Kapitalismus” wäre dann so zu sagen die Anpassung selbst.

        Natürlich haben wir einen reglementierten “Kapitalismus”, der von Experten und Mandatsträgern reguliert wird, was die “Anpassungen an die Realität” komplex werden lässt.

        Der Sozialismus als Gegenpart zum “Kapitalismus” ist natürlich weiterhin für einige (Doitsche ;) ) sehr attraktiv:
        http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,683548,00.html
        Sexy wie die Mauer!

        MFG
        Dr. Wb

        • andre sagt:

          Jeder liest was er am liebsten liest. Und so wird aus der Frage nach “gefährlicher Wissenschaft” schnell eine Frage des Bekenntnisses zum “besten aller Systeme”. Schade eigentlich, oder?

          • webbaer sagt:

            Die mod. Wissenschaftlichkeit und die Freiheit (vs Sozialismus) gehen Hand in Hand, zudem sind die ethischen Fragen, die sich im Zusammenhang mit der mod. Wissenschaftlichkeit oft stellen, besser zu bearbeiten, wenn auch der Wissenschaftler die demokratische Mehrheit bzw. die der Mandatsträger hinter sich weiß. Denn wie soll ein Wissenschaftler alleine die ethische Last tragen?

            Ist das Thema des alten Kipphardt-Stücks, das die “singuläre” Ethik Oppenheimers zwischen den Zeilen huldigt. – Wobei Teller bspw. immer die konträre ethische Sicht vertreten hat.

            Insofern auch lustig, dass ausgerechnet dieser Kollege Teller zitiert – das aber nur ganz am Rande…

            MFG
            Dr. Wb

  3. Andre sagt:

    @dr.wb: an dieser Stelle wäre es angebracht den hier eingebrachten Begriff der “Freiheit” näher zu erläutern, dann könnte ein fruchtbarer Dialog entstehen. So ist es ein wenig ideologisch. Auch der Sozialismus verstand sich ja ganz wissenschaftlich. “Wissenschaftlicher Sozialismus” hieß das Fach vor einigen Jahren noch.
    Übrigens haben solche Leute wie Oppenheimer und auch Teller nie von der Gesellschaft erwartet, ihnen die ethische Last abzunehmen. Sie haben sich entschieden, so wie sie glaubten sich entscheiden zu müssen und standen dazu; die Sozialisierung von negativen Folgen von Entscheidungen wird heute allzu gerne in Anspruch genommen, soviel Sozial-ist-muß möchten denn auch die Finanz- oder Atomkapitalisten gerne. Also: welche Freiheit meint der Webbär, Freiheit von Verantwortung?

    • webbaer sagt:

      Zur Frage:
      Die Freiheit der Meinungsäußerung und die des Handelns, auch des unternehmerischen. Selbstverständlich ist diese in einem sozialdemokratisch geprägten System wie der Bundesrepublik Deutschland bereits zu stark eingeschränkt.
      Der Sozialismus nationalistischer oder internationalistischer Bauart hat es dbzgl. nicht so recht geleistet. – Es könnten noch neue Sozialismen hinzukommen, das aber nur nebenbei.
      Es gibt wohl auch Sozialisten, die die “Kritische Theorie” üben, aber nicht direkt freiheitsfeindlich sind, zumindest keinen dementsprechenden Eindruck machen, bspw. die Jungle World lesen und nicht die (bolschewistische :) ) Junge Welt.
      Der Sozialismus, also das Überhöhen der (Groß-)Gruppe gegenüber dem Individuum, scheint der Ethik der Wissenschaft jedenfalls nicht beförderlich.

      Hmm, Teller, also Teller war schon ziemlich trocken beim Zurückweisen seiner pers. Verantwortung für den Waffenbau. Er hat -so meine Erinnerung- die Verantwortung zur demokratischen Menge deligiert; meine Erinnerung ist hier recht gut, weil seine nachvollziehbare Position seinerzeit in den westdeutschen Staatsmedien geradezu hetzerisch bearbeitet worden ist. Die TV-Genossen sprangen im Dreieck vor Wut, höhö.

      “Freiheit von Verantwortung”, ja!, so könnte man das überspitzt nennen, man muss ja nicht den Waffenbau referenzieren, nehmen wir einen kleineren Aufreger wie bspw. die Embryonenforschung. Ich wäre hier als Forscher weitgehend “meinungsfrei”, man kann’s so oder so sehen, tendenziell mag ich das Vorgehen nicht, weil ich Risiken sehe, aber ich würde mich vermutlich zurücknehmen.

      Du kannst Dich ja mal pol. kurz positionieren, bisher werd’ ich noch nicht so recht schlau.

      MFG
      Webbaer

  4. Andre sagt:

    Du kannst Dich ja mal pol. kurz positionieren

    Also doch ein Bekenntnis: politisch bin ich Ringelnatzist: “du trägst ein Herz in deiner Brust / das darfst du nie verlieren” Reicht dir die Auskunft? Ansonsten kann ich es nochmal so herum versuchen: Ich bin kein Linker und kein Rechter und in der Mitte war es mir immer zu eng. Das muß nun aber langen, denn hier soll es ja um gefährliche Wissenschaft gehen. Was aber Wissenschaft und was gefährlich ist ist immer an ein Urteil gebunden. Und hinter jedem Urteil steht ein Wille. Wissenschaft und Gleichmacherei übrigens:

    …der Wille zur Gleichheit ist der Wille zur Macht. — der Glaube, daß etwas so und so sei, das Wesen des Urtheils, ist die Folge eines Willens, es soll so viel als möglich gleich sein. …Fridrich Nietzsche,20 NF-1885,2[90]

    • webbaer sagt:

      Danke, die Frage war natürlich “etwas” neugierig, aber sie wirkt oft angenehm verkürzend.

      Nonkonform! – Jeder sollte nonkonform sein; Onkel Webbaer begrüsst zwar das Gegebene, ist insofern konservativ oder (besser) evolutionär (vs revolutionär) gebunden und die Entwicklungen grundsätzlich begrüssend, nur was hilft das, wenn das System verhunzt sein sollte (gar nicht so lange her das mit den beiden Sozialismen in D)?

      Viele Grüße!
      Dr. Wb

  5. Islandguy sagt:

    Wissen ist immer gefährlich, zuerst für den Wissenden, denn Wissen ist immer ein Portal zum Unbekannten, sprich die Möglichkeit Pandoras Kästchen zu öffnen – dann natürlich für die Unwissenden, über die der wissende Macht erlangen kann und die ggf. dem Inhalt von Pandoras Kistchen ausgeliefert werden.

    Sollen wir also nicht anstreben mehr zu wissen? Nein. Wir gehen den Weg, den bisher alle Spezies gegangen sind und unser Wissen hat uns bereits wiederholt an den Rand globaler Katastrophen gebracht und wird dies sicher wieder tun.

    Die Antwort auf die Frage ob wir auch wertvolles Wissen erlangt haben, die Art Wissen, die zu Weisheit transzendiert, wird die Zukunft geben. Überleben oder Aussterben – wir Menschen sind die ersten, die es erfahren werden…

  6. andre sagt:

    Otto E. Rössler hat auf
    Telepolis
    seiner Sorge über potentiell gefährliche Wissenschaft erneut Ausdruck gegeben. Die Telepolisredaktion hat Harald Zaun gebeten dazu Stellung zu nehmen, was er
    hier
    tut. Beide unterscheiden sich in der Einschätzung der Risiken des LHC, jedoch plädiert auch Zaun für eine wissenschaftliche Sicherheitskonferenz.

    • islandguy sagt:

      Eine solche Konferenz wird es nicht, kann es nicht geben. Man braucht nur mal zu “Scienceblogs” rübersehen, um ein Bild davon zu bekommen, wie man in Wissenschaftskreisen allgemein mit abweichenden Meinungen und “Spinnern” umgeht. Und wenn dann z.B. die Aussagen von Martin Rees nicht ins Programm passen, dann werden sie eben totgeschwiegen oder oder süffisant mit Sätzen wie “auch große Geister können mal irren” von Tisch gewischt. Der Tisch ist gedeckt, es ist angerichtet und bezahlt, jetzt MUSS gegessen werden….

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