Eine Randnotiz über Unzufriedenheit

Es ist 7:00 Uhr morgens, im ICE von Münster nach München, ich sitze in einem Großraumabteil der 1. Klasse. In Sicht- und vor allem in Hörweite sitzt eine Frau, die vielleicht 70 Jahre alt ist. Offenbar fährt sie nicht oft mit dem Zug, sie weiß nicht, dass die Zeitungen hier kostenlos sind und dass man den Kaffee ab Platz serviert bekommt.

Plötzlich beschwert sie sich beim Zugbegleiter, der ihr eben den Kaffee auf die vier Zeitungen stellt, die er ihr zuvor gebracht hat: „Früher, als ich noch jung und hübsch war, da spürte man im Schnellzug nichts von der Fahrt, da war es ein Gleiten. Aber jetzt, das ist ja ein Rumpeln und Wackeln, ich denke das ist ein ICE!“ Und dann: „Armes Deutschland!“

Nun kann man sicher über die Bahn und über Deutschland überhaupt ganz unterschiedlicher Meinung sein, aber dass ein ICE der dritten Generation weniger sanft dahin gleitet als ein Schnellzug kurz nach dem Kriege oder in den goldenen Zeiten des Wirtschaftswunders, das mag ich nicht glauben.

Vergleicht die alte Dame wirklich die Schienenstöße der 1950er mit denen von heute, die Federung des Orient-Express mit denen des ICE? Oder hat sie das Fahren im Schnellzug vor einem halben Jahrhundert so unendlich sanft empfunden, weil sie zum Bahnhof damals mit einer Kutsche oder einem klapprigen Horch über Kopfsteinpflaster zum Bahnhof gefahren ist, während sie heute im Taxi über Asphalt und Flüsterbeton dorthin gleitet?

Das würde bedeuten, dass sie (und mit ihr vielleicht auch viele andere) nicht die heutige Reisequalität im Zug mit der früheren vergleicht, sondern nur den relativen Komfort am heutigen Optimum misst – womit sie natürlich nie zufrieden sein kann. Und kein Fortschritt kann ihr wirklich Freude machen, weil es immer irgendwas gibt, was besser ist als das, was man gerade hat.

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2 Antworten auf Eine Randnotiz über Unzufriedenheit

  1. Sven Türpe sagt:

    Im Zug über die Bahn zu nörgeln gehört einfach zum guten Ton. Man macht das eben so. Der Brite redet ja auch übers Wetter, ohne einen Grund zu brauchen.

  2. andre sagt:

    Zufriedenheit ist halt keine “objektive” Größe. Und je mehr eine Gesellschaft (oder ein einzelner Mensch) Zufriedenheit an äußeren Dingen festmacht, je mehr sie in das Erreichen von Zufriedenheit investiert, desto höher steigen die Ansprüche und desto unzufriedener wird sie. Genug ist nie genug. Leute die früher zufrieden Trabbi gefahren sind, sind heute unglücklich wenn an ihrem Golf/Audi/Toyota irgend etwas klappert. Und das Stuckern an den Schienenstößen war früher normales und beruhigendes Anzeichen gleichmäßiger Bahnfahrt – heute sind manche davon genervt.

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