Wie schwierig ist “schwierig”?

Wer einen Klettersteig begeht, hat das unbedingte Ziel, ihn auch zu durchsteigen, d.h., an seinem Ende anzukommen. Meist ist der Abstieg über Wege und Schotterpfade zwar lang, aber allemal einfacher als umzukehren und den Klettersteig zurück zu steigen. Nach unten klettern ist unangenehmer als bergauf, zumal mit Gegenverkehr zu rechnen ist. Woher aber weiß ein Alpinist, wenn er z.B. zum ersten Mal in den Dolomiten unterwegs ist, ob er einem Klettersteig „gewachsen“ ist?

Über diese Frage sollen die Schwierigkeitsgrade Auskunft geben, die man bei den Beschreibungen von Klettersteigen z.B. auf bergsteigen.at oder in einschlägigen Büchern findet. Dort sind die Klettersteige und ihre einzelnen Abschnitte von A wie „einfach“ bis E (oder F) wie „extrem schwierig“ bewertet. Was die einzelnen Buchstaben bedeuten, kann man nachlesen.

Die exakte Einordnung auch kurzer Stücke des Steigs, manchmal sogar mit Zwischenstufen wie C/D erweckt den Eindruck eines objektiv nachvollziehbaren Bewertungsverfahrens. Aber das ist eine solche Skala natürlich nicht, und wenn man die „Definitionen“ der einzelnen Bewertungsstufen liest, wird jedem schnell klar, dass sie voller unklarer oder vager Begriffe sind, die jeder, je nach eigener Erfahrung, unterschiedlich  benutzen wird. In der Beschreibung zum Grad C (schwierig) heißt es z.B. „Stifte können auch weiter auseinander liegen“ – was für einen 1.50 m großen Menschen wohl etwas anderes sein dürfte als für einen Zwei-Meter-Mann. Weiter heißt es dort, dass die „Begehung ohne Benutzung der fixen Sicherungseinrichtungen“ möglich sei, d.h., man kann einen C-Steig auch gehen ohne auf die einbetonierten Stifte und Klammern zu treten oder das Fixseil anzufassen. Das aber dürfte ein ungeübter Anfänger schon bei einem A-Steig kaum schaffen, während ein trainierter Sportkletterer wahrscheinlich auch im E-Steig kein Metall berührt.

Sind die Einordnungen also sinnlos? Natürlich nicht, sie sind notwendig geworden in einer Zeit, in der das Erlebnis Klettersteig individualisiert wird. Genau aus diesem Grund interessiert es mich hier.

Die Bewegung im alpinen Gelände war vor ein paar Jahrzehnten Leuten vorbehalten, die quasi in den Bergen groß geworden waren. Sie waren Teil einer Gemeinschaft, in die sie hineinwuchsen. Die Einschätzung der Machbarkeit einer Route auf einen Gipfel war Sache gewachsener Erfahrung und gewachsenen Vertrauens. Vertrauen hatte man zu Leuten, die man kannte und die einen selbst kannten. Die Alpinisten konnten ihre Fähigkeiten wechselseitig einschätzen, so konnte man auf das Urteil des jeweils anderen vertrauen.

Inzwischen gehen auch Leute wie ich in den Berg, die im Flachland aufgewachsen sind und Bergsteiger nur aus Büchern und Filmen kannten. Wenn die mir sagen würden (vorausgesetzt, sie würden überhaupt mit mir sprechen), eine Route sei „einfach“ hätte dieses Urteil für mich überhaupt keinen Sinn, keine Bedeutung. Über die Bedeutung von „einfach“ in der Sprache des erfahrenen Bergsteigers weiß ich eigentlich nur eines: das es mit der Bedeutung dieses Wortes in meiner Sprache kaum etwas zu tun hat. Da er das auch weiß, wird er sich hüten, dieses Wort überhaupt zu verwenden.

Die Kommunikation zwischen den individualisierten und anonymisierten Akteuren muss eine ebenso anonyme Institution übernehmen, und das ist ein verschwommenes Konglomerat aus Bergführern, Alpenvereinen, Webseitenbetreibern und Bergsteigern. Hier bildet sich die Bewertung von Klettersteigen quasi im Verfahren der Konsensbildung heraus, ein funktionierendes Beispiel von Schwarmintelligenz, das über verschiedene Medien verteilt ist (und schon vor dem Internet funktionierte, durch Bücher, Berichte in Alpenvereinsgruppen, Diskussionen unter Bergführern usw.)

Die Einordnung eines Klettersteiges in eine bestimmte Schwierigkeitsstufe könnte man so als „intersubjektiv richtig“ bezeichnen, sie hat sich im Rahmen des Verfahrens der Konsensbildung als (vorläufig) akzeptabel herausgestellt. Das interessante an solchen Institutionen ist, dass sie in der Lage sind, jederzeit eine (aktuell gültige) Entscheidung bereitzustellen, eine Entscheidung die allerdings auch jederzeit revidiert werden kann. Dieser Entscheidung kann jeder einzelne Alpinist sein eigenes Urteil, seine subjektive Wahrheit gegenüberstellen, indem er nach Begehung des Weges urteilt: „Für mich war das kein C, für mich war das D“.

Der individualisierte Alpinist beginnt mit seinen alpinistischen Erfahrungen mit einer Selbsteinschätzung, nach der er seinen ersten Klettersteig auswählt. Nach jedem Erlebnis steht es ihm frei, entweder seine Selbst-Beurteilung zu überdenken oder das Urteil des anonymen Schwarms (für sich) zu verwerfen. Wer sich allerdings auf Dauer nicht mit dem intersubjektiven Urteil synchronisieren kann, wird auch kein Teil dieses Schwarms werden. Er bleibt selbst unter den individualisierten Teilnehmern des Konsensfindungsprozesses ein isolierter Individualist.

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