Alle wollen Klimawandel

Egal, ob man das Radio einschaltet oder die Freunde fragt, alle freuen sich über den wunderbaren milden Herbst. Man genießt die Sonne und die wunderbaren Herbstfarben, sitzt – wenn auch in Decken gehüllt – vor den Cafés und schleckt noch ein letztes Eis oder einen Capuccino. Niemand sorgt sich um den Klimawandel, und wer in so einem Moment von der globalen Erwärmung spricht, gilt als Spielverderber. 

2011 – was für ein Wetter!

In Deutschland waren schon die Monate Februar bis Mai zu warm, zu sonnig und zu trocken. Aber kann es überhaupt “zu sonnig” sein? War es nicht ein wunderbarer milder März, gefolgt von einem grandiosen Oster-Wochenende? Irgendwann Ende April begannen die Nachrichten über eine “große Dürreperiode“ zu sprechen, Landwirte befürchteten Schlimmes für die Ernte, aber so richtig Angst hat das den meisten von uns nicht gemacht.

Dann kam der Juni und damit der Wetterumschwung. Die Bauern bekamen ihren Regen, wir alle bekamen einen miesen Sommer. Eigentlich hätten wir mit den Getreideproduzenten gemeinsam froh sein sollen, dass die folgenden Wochen die Böden wieder feuchter machte, sodass die Missernte ausblieb. Aber wer ehrlich an den Sommer zurückdenkt muss eingestehen: das Wetter war einfach schrecklich, es war kalt und es war nass – es war überhaupt kein Sommer.

Nun haben wir also seit Mitte Oktober einen “Indian Summer”. Das entschädigt uns ein bisschen für das elendige Wetter von Juni bis September, einer Zeit, die den Namen Sommer nicht verdient. Am Schluss wird es wohl dazu führen, dass das Jahr 2011 in Deutschland als “wesentlich zu warm” in die Statistiken eingeht, wieder mal so eine Nachricht, die uns eigentlich Sorgen machen sollte, da sie ein Zeichen für den Klimawandel, für die globale Erwärmung ist.

Niemand mag sich Sorgen machen

Aus dem fernen Thailand lesen wir derweil Nachrichten von Überschwemmungen  – das ist auch so ein Klimawandel-Vorbote. Aber das sind abstrakte Nachrichten, die niemanden im sonnigen Europa wirklich erschrecken können. Überhaupt haben wir zurzeit ja andere Sorgen als den Klimawandel, wir wissen nicht, wie es mit dem Euro weitergeht, und wenn wir schlaflose Nächte wegen der ferneren Zukunft haben, dann eher wegen zu geringer Altersabsicherung als wegen zu hoher Temperaturen.

Diese ganz alltäglichen Erfahrungen illustrieren ein paar Selbstverständlichkeiten über die Natur des Menschen: Wir können unser Handeln eigentlich nur im Hier und Jetzt orientieren. Je weiter entfernt ein Problem ist, sei es eine Überschwemmung in Südostasien oder eine Klimakatastrophe in ein paar Jahrzehnten, desto abstrakter ist es – und alles, was abstrakt ist, steht in unseren Sorgen und Entscheidungen hinter den konkreten Erlebnissen und Erfahrungen zurück, die sich alltäglich aufdrängen. Das Mitleid mit Überschwemmungsopfern in Bangkok ist genauso theoretisch wie das mit unseren Nachfahren, die in ein paar Jahrzehnten mit den Problemen klar kommen müssen, die wir ihnen hinterlassen haben werden.

Und der Klimawandel ist ja nur eines dieser Probleme, vielleicht nicht mal das größte. Der demographische Wandel und die Staatsverschuldung werden für das alte Europa vielleicht viel gravierendere Konsequenzen haben als Dürreperioden und Überschwemmungen. Aber wer kann sich schon vorstellen, sein ganz persönliches Leben heute aus freien Stücken radikal zu ändern – in dem er z.B. aus Verantwortung für die Zukunft ein paar Kinder mehr in die Welt setzt und in den nächsten zwei Jahrzehnten seine Kraft darauf konzentriert, diese ins Leben zu führen?

Kölner Grundgesetz für alle?

Die Frage, die sich aufdrängt, ist ob der Mensch wirklich so ein rationales Wesen ist wie das neuzeitliche, naturwissenschaftlich geprägte Bild vom animal rationale es behauptet. Offenbar nicht. Wir sind nur sehr begrenzt in der Lage, unser aktuelles Wohlergehen irgendwelchen rationalen Erwägungen zu opfern, um die Probleme an fernen Orten oder in ferner Zukunft zu lösen. Keine Aufklärung, keine dramatischen Medienberichte, keine Expertenvorträge scheinen etwas daran ändern zu können: wer bringt schon die Kraft auf, die Welt zu retten, wenn er auch in der Oktobersonne im Café sitzen kann?

Scheinbar gibt es nur zwei Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen. Die erste ist, wir gestehen uns ein, dass wir eigentlich alle Kölner sind und erklären das Kölner Grundgesetz als allgemeingültiges Lebensprinzip. Das heißt: wir lassen die Zukunft eben auf uns zukommen, genießen das jetzige Leben und lösen die Probleme, wenn sie im Alltag angekommen sind. Allerdings werden die meisten großen Probleme dann nicht mehr zu lösen sein, man wird sich nur noch arrangieren können. Aber das ist nicht neu, jede Generation musste sich bisher mit der Welt so abfinden, wie die vorherigen sie hinterlassen hatten.

Die Alternative ist, dass wir die Sorge um die fernen und zukünftigen Probleme an die Apparate der Behörden delegieren. Wir verhalten uns dann ein bisschen so wie der Süchtige der um seine Sucht weiß und sie doch nicht alleine in den Griff bekommt: Er übergibt sich der Gewalt der Entzugsklinik und lässt sich mit Zwang davon abhalten, das zu tun, was ihn langfristig zerstört. Das hieße allerdings, dass Basisdemokratie in wirklich langfristig wichtigen Fragen keine Chance hätte. Und ob wir wirklich bereit wären eine Regierung zu akzeptieren, die uns mit mahnendem Blick auf die Zukunft den Spaß an der Gegenwart verdirbt, kann wohl auch bezweifelt werden.

 

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