Eine Philosophie des Erotischen I

Seit zweieinhalb Jahrtausenden fristet die Erotik im abendländischen Denken, in der Kultur Europas, ein Schattendasein. Alles begann damit, dass Platon, der griechische Denker von dem her wir unsere ganze Philosophietradition bestimmen und entwickeln, auf die Idee kam, die erotische Begierde müsse irgendwie auf eine höhere Ebene gebracht werden, sodass sie dann idealerweise in einer theoretischen, kontemplativen Schau des Schönen schlechthin bestehen würde. Von da an wurde der Mensch von der Philosophie nicht mehr als Wesen mit Begierden verstanden, sondern allenfalls als arbeitendes, herstellendes oder handelndes Wesen, im Idealfall allerdings als theoretisierendes, als nur die Welt betrachtendes, unbewegliches und unbewegtes Wesen. Auch wenn erst im Verlauf dieser kleinen Serie überhaupt ein wenig Licht in die Frage gebracht werden soll, was Erotik eigentlich sei, so ist wohl jedem vorab schon klar, dass sie mit theoretischer Weltbetrachtung und Bewegungslosigkeit nur wenig zu tun haben kann. So kann man sagen – bei aller Verehrung für die Väter unserer Philosophie – dass mit den Alten Griechen ein Menschenbild die Oberhand gewann, das sicherlich mit vielem zu tun hat, aber nichts mit Ekstase, Begehren, Erotik.

Erotikfreies Christentum

Die Religionen griffen dieses erotikfreie Menschenbild begierig auf, allen voran das Christentum, das als Religion der Entsagung und des Leidens ohnehin Schwierigkeiten mit dem Genuss, den irdischen menschlichen Sehnsüchten und der Freude am Stillen von Verlangen hat. Aus Platons Schau des Schönen wurde die Schau Gottes – damit war die Erotik endgültig in die dunkelsten Winkel der menschlichen Seele verband.

Wir sind weit davon entfernt, der Erotik endlich wieder zu ihrer natürlichen Rolle im Leben der Menschen zu verhelfen. Das Gegenteil ist der Fall: In einer Zeit, in der alle menschlichen Verhaltensweisen aus ökonomischen Nutzenserwartungen und Kosten-Ertrags-Kalkulationen begründet werden müssen und in der zudem wissenschaftlich nur das wirklich interessiert, was logisch-funktional und naturwissenschaftlich als Evolutionsvorteil erklärt werden kann, spielt allenfalls Sex eine Rolle, aber nicht Erotik. Zwar sind wir inzwischen liberal genug irgendwie jedem seine persönlichen Vorlieben zuzugestehen, solange er uns damit nur nicht im Alltag zu nahe kommt, aber gerade diese Verbannung ins Private zeigt ganz deutlich, dass das Erotische eben weit davon entfernt ist, als wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste und ursprünglichste Teil des menschlichen Wesens akzeptiert zu werden.

Es ist gar nicht so einfach zu sagen, was eigentlich das Erotische ausmacht und warum man vielleicht sagen kann, das nichts menschlicher ist als die Erotik, nicht die Vernunft, nicht das soziale Zusammenleben und nicht die Arbeit. Denkt man aber darüber nach dann bemerkt man: die Erotik ist das, was uns wirklich von den Tieren unterscheidet und es ist erstaunlich, dass wir gerade diesen Unterschied immer vergessen machen wollen.

Philia, Agape, Eros

Das Wort Erotik kommt aus dem Griechischen, es hat, mit Eros, dem Gott der Liebe zu tun. Bemerkenswert ist, dass es ein Begriff ist, der eine bestimmte Gemeinsamkeit mit anderen Begriffen hat: Technik, Physik, Politik, Ethik: Es ist die Nachsilbe –ik, die im Griechischen so etwas wie eine Fertigkeit, ein Handwerk, eine „Lehre von“ oder „Kunst der“ bezeichnet. Die Erotik wäre dann also die Lehre vom Erotischen, die Kunst der Liebe. Was aber ist wiederum Liebe? Selbst der Papst weiß, dass es drei Formen der Liebe gibt, die Agape, die aufopfernde Hingabe, die Philia freundschaftliche Zuneigung, die, und eben Eros, die sinnliche Begierde. Es überrascht natürlich nicht, dass der Papst uns empfiehlt, dass wir uns auf die Agape konzentrieren und den Eros zügeln sollten, auch wenn, wie ich oben bereits angedeutet hatte, schon Platon ein paar hundert Jahre vor Christus dem Eros den Lebenssaft entzogen hatte indem er die ganz praktische Begierde des realen Schönen durch die – seiner Meinung nach viel höher zu bewertende – theoretische Begierde der Schau der Idee des Schönen ersetzt hat.

Dabei ist die erotische Begierde wohl kulturgeschichtlich weit ursprünglicher als Agape und Philia, und wir können sogar vermuten, dass der Ursprung des Erotischen und des Religiösen der gleiche ist. Dieser gemeinsame Ursprung ist im Schleier und in der Maske noch erkennbar, doch dazu später. Wo liegt die gemeinsame Quelle von Erotik und Religion, zweier Teile des menschlichen Lebens, die sich heute so weit voneinander entfernt haben dass es paradox erscheint, überhaupt nach einem gemeinsamen Ausgangspunkt zu suchen? Diese Quelle liegt in der Raserei, der Ekstase, im Rauschzustand, im absichtlich und gemeinschaftlich herbeigeführten Wahnsinn auf Zeit. Bei den Urvölkern, in den Naturreligionen ist religiöser Kult und orgiastische Raserei noch nicht getrennt, erst die monotheistischen Religionen, die meinten, den Menschen zivilisieren zu müssen, trennten den auf einen Gott gerichteten Kult von dem, der sich auf andere Menschen richtete. Im Prinzip begann damit der gut zwei Jahrtausende währende Todeskampf der abrahamitischen Religionen, dessen letztes Stadium wir wohl inzwischen erreicht haben, auch wenn sich dieses noch hundert oder zweihundert Jahre hinziehen mag – aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

Erotisches und Religiöses waren Eines

Ursprünglich jedenfalls waren Religiöses und Erotisches eines, der gemeinsam herbeigeführte und erlebte ekstatische Rauschzustand, wobei es bei diesem gewollten Wahnsinn, dieser Raserei nicht auf das Ergebnis ankommt, das man vielleicht so schnell und effektiv wie möglich herbeiführen will, sondern auf das Erlebnis der Steigerung, des Auskostens jeder Phase des zunehmenden Wahnsinns, des Innehaltens und Genießens möglichst vieler Zwischenstufen des Begehrens und Erlebens. Das Begehren des orgiastischen Höhepunktes ist nicht das Mittel zum schnellen Erreichen eben dieses Schlussmomentes, sondern dieses Begehren ist selbst das Ziel. Genuss liegt nicht im Wissen darum, an ein Ziel gelangt zu sein, sondern im Genießen des Weges selbst, so wie der Genuss des Essens nicht im Völlegefühl nach der Mahlzeit sondern eben im genussvollen Verspeisen des Gerichtes selbst liegt. Auch hier liegt übrigens eine gemeinsame Quelle des Erotischen und des Religiösen, die sich im Erotischen noch im Candlelight-Dinner ganz offenbar erhalten hat, während sie im religiösen Kult zum Kauen einer trockenen Oblate und zum Nippen an einem hingehaltenen Weinbecher degeneriert ist.

Wir müssen also, um es zu verstehen, das Erotische auch deutlich vom Sexuellen und vom Pornografischen unterscheiden. Beim Sexuellen mag es um das schnelle und effektive Befriedigen des Sexualtriebes gehen, die pure Nacktheit, Blöße und Direktheit des Pornografischen mag dabei nützlich sein, so wie ein Rauschgift oder ausreichend konzentrierter Alkohol ohne Umwege und Zeitverzug einen Rauschzustand herbeiführen kann. Das hat weder mit dem Rausch der erotischen Begierde noch mit naturreligiösen Kulten etwas zu tun. Erotik ist die Kunst das Begehren zu steigern und zu zügeln, mit ihm zu spielen, die Begierde wach zu halten und hin zu halten und den Wahn damit so lang wie möglich auszukosten und auszuhalten.

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