Philosophie des Erotischen II

Die erotische Begierde ist auf das sinnliche Erleben des anderen Menschen gerichtet, auf das Riechen und Schmecken seiner Haut, auf das Erblicken und Ergreifen seiner intimen, im Alltag verborgenen Körperzonen, auf das Hören seines Atems, der sonst, durch Alltagsgeräusche oder zu große Ferne, unhörbar ist. Erotik ist die Kunst, dieses Erleben allmählich steigern zu können, weil Nähe gewonnen wird, weil die Sinne sich schärfen während die Umgebung zurücksinkt, und weil die Kraft des Begehrten selbst stärker wird, weil Gerüche intensiver werden, Haut feuchter wird, die Formen der Körper selbst fester und kräftiger werden, weil der Atem intensiver und heißer wird.

Offenbaren und Verbergen

Wie gelingt das im erotischen Spiel? Durch Offenbaren und Verbergen in einem. Die Begierde wird geweckt und gelockt durch die Phantasie. Die Phantasie glaubt, schon zu sehen, was noch verborgen ist, und weckt das Verlangen auf Überprüfung durch Annäherung. Hier kommt der Schleier ins Spiel. Der Schleier verbirgt und zeigt zugleich, er lässt etwas erahnen. Schon Immanuel Kant, wusste um die Kraft des Schleiers, etwas erst sichtbar zu machen was ohne Schleier in seiner bloßen direkten Sichtbarkeit unverständlich bliebe.

Kerzen und Nebel

Vieles kann zum erotischen Schleier werden: Im Kerzenlicht erkenne ich die Frau mir gegenüber nicht ganz so deutlich wie in einem gut ausgeleuchteten Raum. Aber mehr als das: das flackernde Licht lässt mal mehr, mal weniger erahnen, mal nähert sich das Gesicht dem Licht, mal der Arm, mal das Decoltee. Auch der Dampf in der Sauna und der Nebel auf der Tanzfläche sind solche Schleier, zusammen mit dem wechselnden Licht der Effekt-Beleuchtung.

Der Schleier, den wir uns auf die Haut legen, das Tuch, mit dem wir uns einhüllen, ist aber der umfassendste Schleier. Er verbirgt nicht nur den Anblick des begehrten Körpers, er verhindert auch das Fühlen und Schmecken der warmen Haut, das sichere Ergreifen seiner Formen (wobei es nie nur die Formen sind, die wir im Ergreifen Begehren, sondern immer auch der Leib selbst, der da geformt wird). Ein erotischer Schleier lässt von all dem auch etwas hindurch, er erlaubt nicht nur unverhoffte Ein- oder Durchblicke, er gibt auch den anderen Sinnen einen Vor-Geschmack und ein Vor-Gefühl dessen, was sich heiß begehrt unter dem Schleier zeigt und versteckt.

Schleier, Tschador, Burka

Ein solcher Schleier ist transparent, nicht dicht, ist beweglich und nicht starr, das unterscheidet ihn von den Schleiern der heutigen Religionen. Diese dichten, meist stumpf-dunklen, grauen oder schwarzen Schleier sollen, so wird behauptet, ein Schutz gegen die Begierde sein, sie sollen die Frau, die darunter verborgen wird, vor Zudringlichkeit jeder Art bewahren. Es muss natürlich bezweifelt werden, dass dies überhaupt gelingen kann, denn auch die Ganzkörperverhüllung eines Tschadors kann nicht darüber hinweg täuschen, dass darunter ein Mensch, eine Frau ist. Alles, was unter dem Schleier zwar verborgen ist, den Regeln nach aber vermutet werden kann wird die männliche Phantasie hinzuerfinden, und so kann kein Schleier vor dem Begehren schützen- und natürlich ist dies auch nicht der Sinn des Schleiers. Der heutige religiöse Schleier verhindert nicht die Begierde des Mannes sondern verhindert, dass die Frau das erotische Spiel selbst bestimmen kann. Mit einem Tschador kann sie nicht spielen, weil die Variabilität des Schleiers zwischen Verbergen und Zeigen ganz auf das Verbergen reduziert ist. Das gilt natürlich fast im gleichen Maße für die Nonnentracht wie auch für die Mönchskutte. Aber wenn wir heute junge Muslima durch deutsche Großstädte spazieren sehen dann bemerken wir schnell dass kein religiöser Schleier als Symbol grundsätzlich so fixiert ist dass er nicht im erotischen Spiel als Trumpf eingesetzt werden kann.

Zurück zum erotischen Schleier, der natürlich nicht den Frauen vorbehalten ist. Auch Männer kennen die Kunst des verbergenden Zeigens, auch wenn wir es nicht ganz so einfach haben wie die Frauen, denen die Designer die transparenten Tüllstoffe, aus denen die Schleier der Verführung von Alters her gefertigt werden, reserviert haben. Doch dazu später noch ein paar Worte.

Schleiertanz

Im gekonnten Spiel mit dem Verbergen und dem lockenden, nur flüchtigen, gelegentlichen und wie zufälligen Offenbaren begegnet uns die Erotik, die Kunst der begehrenden Liebe. Wie aus Versehen verschiebt sich der Schleier und gibt, nur kurz, den Blick auf den Busen frei. Versehentlich legt sich eine Hand auf diese Stelle, ist es die eigene, oder eine fremde, der Schleier gleitet zurück, was kurz vom Licht beschienen war schimmert nun wieder nur undeutlich unter dem Tuch hervor. Seine ganze Verführungskraft zeigt der Schleier im Tanz, wenn der Stoff weht, ständig in Bewegung ist. Der berühmteste erotische Tanz wurde deshalb mit sieben Schleiern getanzt und es wundert uns nicht, dass dieser Tanz als böser, mörderischer Verführungsakt im Matthaeus-Evangelium Erwähnung findet. Jeder Schleier-Tanz ist ein ekstatischer Tanz, ein Tanz in den Wahnsinn, er verführt eben dadurch, dass das begehrte Wesen sich jedem Zupacken tanzend entwindet und dass der Schleier, der eben noch einen Blick auf die begehrtesten Territorien des zu erobernden Körpers freigab, diese im nächsten Moment wieder unter dichten Falten des transparent erscheinenden Stoffes verbirgt. Aber dieser Tanz ist nicht nur das Spiel von Blöße und Bedeckung, von Licht und Dunkelheit, er ist auch das Spiel von Kälte und Wärme, das sich, umso mehr der Tanz fortschreitet, zu einer feuchten Hitze steigert. Dann klebt der durchscheinende Stoff auf der begehrten Haut und lässt hervortreten, was die Blicke und Hände so sehr begehren.

Was der Schleier verbirgt

Der Schleier erlaubt jedoch nicht nur ein Wechselspiel zwischen Zeigen und Verbergen, das unsere Sinne mehr und mehr in einen Rausch treibt. Dieser Schleier legt sich auch nachsichtig auf unsere kleinen und großen Schwächen, auf die zu kleine Brust ebenso wie auf den zu großen Po. Natürlich müssen wir hier kurz innehalten und die Frage zulassen, ob es solche Schwächen wirklich gibt und ob der perfekte erotische Körper überhaupt das Ziel eines erotisch lebenden Menschen sein kann. Es geht hier allerdings nicht um irgendein gesellschaftlich konstruiertes Schönheitsideal, das letztlich bei genauem Hinsehen oder Hinfassen ein langweiliges, unerotisches Mittelmaß ist. Begehren weckt immer das, was man nicht kennt, und die Wahrscheinlichkeit, dass man das Mittelmaß schon kennt, wächst mit zunehmendem Alter. Wer verführen möchte, sollte deshalb nicht aufs Mittelmaß setzen. Jedoch: kaum jemand will genauso erscheinen wie er oder sie ist, man möchte täuschen und verbergen. Der Schleier ist immer eine Möglichkeit, so lange zu verbergen wie die Phantasie des Verführten braucht, um sich im zunehmenden Rausch die Wirklichkeit, die sich unter dem Schleier zeigen wird, zum Ideal zu machen. Ein Schleier ist die Projektionsfläche zweier Phantasien der beiden Menschen die sich im erotischen Spiel gegenseitig verführen indem sie verführt werden und zwischen denen der Schleier schwebt bis er zerreißt. Wenn das Spiel gelingt, dann bleiben die Phantasien auch dann noch im höchsten Rausch lebendig, und wenn die Leiber erschöpft zurücksinken dann bedeckt der Schleier schon wieder gnädig was der Phantasie überlassen bleiben soll.

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