Philosophie des Erotischen III (Schluss)

Ich hatte gesagt, dass kaum jemand im erotischen Spiel so erscheinen möchte wie sie oder er im unerotischen Alltag erscheint. In der Erotik wollen wir Andere sein, ja, die Erotik fordert sogar von uns, dass wir unter ihrem Regiment zu Anderen, zu Fremden werden. Was wir haben und was wir gut kennen, das begehren wir nicht mehr, denn das Begehren und das Besitzen schließen sich aus. Nun können wir natürlich sagen, dass in unserer modernen Welt kein Mensch ein Recht auf den Besitz eines Anderen hat. Aber damit vertuschen wir das Problem nur, denn es geht nicht um den Besitz eines anderen Menschen sondern um den Besitz einer erotischen Erfahrung. Stellen wir uns zwei Menschen vor, die ihr erotisches Spiel immer auf die gleiche Weise spielen, dann wird schnell klar, dass die Begierde bald sterben muss, auch wenn der eigentliche Sexualakt noch funktioniert, wenn wir den die Funktion dieses Aktes darin sehen, den Sexualtrieb zu befriedigen. Aber wir hatten ja schon gesagt, dass das Durchführen des Sexualaktes nichts mit Erotik zu tun hat. Erotik ist die Kunst der Begierde und zu dieser Kunst gehört, ein Begehren überhaupt zu erwecken also etwas Begehrenswertes anzudeuten, zu verheißen und es gleichzeitig zu verbergen. Wer das Begehrenswerte schon in- und auswendig kennt, bei dem wird keine Begierde geweckt.

Fremdheit ist Begehrenswert

Begehrenswert kann also nur das Fremde sein, wobei das Fremde vom nur Anderen unterscheidet, dass das Fremde unverstanden ist und sogar unverständlich bleibt, so viele Erfahrungen und Erlebnisse wir auch damit machen. Wirklich erotische Erlebnisse können auch nicht verstanden oder erklärt werden, und es ist der Tod jeder Erotik wenn wir nach dem Rausch und dem Wahnsinn zu erklären versuchen was da gerade passiert ist und warum wir was genau getan haben, was der Zweck welcher heftigen Bewegung war und zu welchem Ziel eine gewisse Anstrengung geführt haben sollte. Hier ist die Erotik ganz Kunst: Wenn man darüber reden könnte, dann bräuchte man es nicht zu tun.

Erotik ist die Kunst, sich fremd zu bleiben und sich einander immer wieder fremd und unverständlich zu werden. Auch dazu tragen wir Schleier und dazu verbergen wir uns unter Masken. Eine Maske ist keine Verkleidung, hinter der Maske verstecke ich nicht mein wahres, bekanntes Gesicht, sondern durch die Maske werde ich ein Unbekannter, unverstandener und unverständlicher Fremder. Wenn ich meiner Partnerin mit einer Maske nur vorspiele, anders zu sein als sie mich kennt, dann findet keine Erotik statt. Sie weiß ja, dass ich mich unter der Maske verberge. Vielmehr zeigt ihr die Maske ein anderes, unbekanntes Wesen, das auch mein Wesen ist. Wenn sie auch glaubt, mich zu kennen und wenn sie auch weiß, dass ich es bin, der unter der Maske sein Alltagsgesicht verbirgt, den Mann mit der Maske kennt sie nicht. Hier sehen wir wieder die Gleichursprünglichkeit von Erotischem und Religiösen: In den Maskentänzen der Naturreligionen verkleiden die Tänzer sich nicht als Geister sondern indem sie maskiert tanzen erscheinen die Geister in ihnen.

Eine Maske im erotischen Spiel muss deshalb gut ausgewählt werden, nicht mit den Mitteln praktisch-rationaler Überlegungen (passt sie in die Tasche ohne zu leiden, wird sie drücken, werde ich schwitzen und „Was will ich mit der Maske sagen?“) – in der Maske, die ich wähle muss ich mich selbst erkennen, aber eben meine fremde Seite. Deshalb kann man Masken auch nicht als Paar gemeinsam aussuchen: Wenn meine Partnerin sagen würde: „Nimm doch diese Maske dort, die passt gut zu dir“ dann wird der Abend nicht erotisch sondern allenfalls ein Karneval.

Das Militärisch und das Erotische

Ich hatte gesagt, dass wir Männer weniger Möglichkeiten haben uns zu verschleiern. Aber umso mehr Gelegenheiten haben wir, uns zu maskieren. Den Fremden in uns zeigen wir, natürlich können das auch die Frauen tun, nicht nur und nicht einmal notwendigerweise mit einer Maske vor dem Gesicht, sondern mit einer Kleidung, deren Merkmale auf einen Anderen, Fremden verweisen. Dass Alltagskleidung unerotisch ist, ist trivial. Aber wiederum ist die naheliegende Alternative, Muskelshirt, enge Hose oder weit geöffnetes Hemd, allenfalls funktional im Sinne der raschen Befriedigung des Sexualtriebes, aber sicherlich nicht erotisch. Erotisch ist, was fremd ist, sowohl im gesellschaftlichen Alltag als auch in Bezug auf den Einzelnen, der mit seiner sonst unsichtbaren Fremdheit die Begierde wecken will, erotisch ist, was maskiert und damit meine Fremdheit verführerisch Realität werden lässt.

Vielleicht ist das der Grund warum wir heute so oft an Kleidung, die erotisch wirkt, Elemente des Kriegerischen und des Kampfes finden. Nichts ist uns im Alltag fremder als der Krieg. Gleichzeitig verweist dieses Kriegerische aber auch noch auf eine andere Seite des Erotischen. Nicht umsonst hatte ich vorhin schon militärische Metaphern genutzt als ich von den „begehrtesten Territorien des zu erobernden Körpers“ sprach. In der philosophischen Diskussion wird der unverstandene, unverständliche, radikal Fremde zunächst als Feind interpretiert, und unser alltäglicher Umgang mit der Fremdheit gibt dieser Interpretation sicherlich recht. Dass der Fremde auch als Verführer gesehen werden kann, der gleichzeitig verführt wird, ist eine neue Option des erotischen  Spiels, wobei die Gefahr und die Ungewissheit über das wahre Gesicht des Fremden im Rausch des Begehrens niemals ganz beseitigt werden kann. Wo jederzeit Gewissheit ist, da ist keine wirkliche Erotik im Spiel.

Der Rausch des Ungewissen

Erotik als ungewisser Rausch in dem Bekanntes fremd wird und im sich steigernden Wahnsinn der Verführung ein Begehren gesteigert und schließlich, auf Zeit, befriedigt wird, ist ein zutiefst menschliches Spiel. Wir wissen heute, dass Tiere Werkzeuge bauen können, dass sie vermutlich Selbstbewusstsein haben und dass sie ihre Welt erkennen und verstehen können. Wir wissen, dass auch Tier-Gemeinschaften soziale Ordnungen aufbauen. Von erotischen Erlebnissen und Aktivitäten im hier beschriebenen Sinne ist nichts bekannt, Tiere sind so wenig erotisch aktiv wie religiös. Warum haben wir das Erotische aus unserem Menschenbild so radikal verbannt? Mir scheint, der Grund dafür liegt darin dass wir glauben, dass unsere Zivilisation nur auf Basis eines rational-logischen, auf Vernunfts-Erkenntnis basierenden Welt- und Menschsicht erhalten werden kann. Irgendwie hat sich in den letzten zweieinhalb Jahrtausenden im europäischen, heute allgemeiner im westlichen Denken, der Mythos durchgesetzt, dass wir, um unser Zusammenleben friedlich und stabil organisieren zu können, nur Handlungen und Verhaltensweisen zulassen dürfen, die sich rational, auf Basis von Nutzenskalkulationen und logisch begründeten Sach-Entscheidungen, begründen lassen. Ein Mythos ist das, weil sich beim genaueren Hinsehen herausstellt, dass genau dieses Denken, bei allen Fortschritten und Erfolgen, die sich später immer wieder als neue Probleme herausstellen, in die kleinen und großen Katastrophen der europäischen und der Welt-Geschichte geführt hat. Dass das erotische Verlangen und Begehren ebenso katastrophale Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen hätte, ist hingegen nicht bekannt.

Hinterlasse einen Kommentar zu Jörg Friedrich Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


− fünf = 4

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>