Urban Legends

Dieses Blog heißt Arte-Fakten und hier wollte ich mich eigentlich eben mit konstruierten Fakten, der Welt als Konstruktion beschäftigen. Ich bin ein bisschen davon abgekommen, aber das Wochenende gab mir wiedermal Gelegenheit, mich darauf zu besinnen. Früher schrieb ich ja mal bei ScienceBlogs und aus dieser Zeit habe ich noch in den Timelines von Facebook und Twitter ein paar Scienceblogger, u.a. Christoph Larssen. Dieser Blogger machte mich gestern mit der Überschrift “Kinder sind wertlos” neugierig. Ich las seinen Artikel und war aus verschiedenen Gründen verwundert über Fehler, Ungereimtheiten und Unklarheiten, was ich ihm in zwei Kommentaren (muss ich erwähnen dass die spurlos verschwunden sind?) mitteilte.

Die Sache wäre nicht mitteilenswert weil sie Alltag bei ScienceBlogs ist. Aber sie gibt mir Gelegenheit, hier ein schönes Beispiel von Urban Legends zu illustrieren. Larssen behauptete u.a., dass der Mehrwertsteuersatz für Babynahrung 19% betrage. Nun ist die Festlegung dieses Steuersatzes in der Tat abenteuerlich aber als Vater mehrerer Kinder verwunderte mich das trotzdem. Da gestern die Geschäfte geschlossen waren, recherchierte iche in wenig im Internet und fand tatsächlich viele Blogs, Foren und Medienseiten, die diese Behauptung enthielten, aber ohne vernünftige Quelle.

Aber es ist natürlich einfach, hier die Wahrheit herauszufinden. Auf Flaschenmilch.de, einem Shop für Babynahrung und Babyartikel, werden die Mehrwertsteuersätze z.B. schon auf der Titelseite bei jedem einzelnen Artikel angezeigt. Sicherheitshalber, vielleicht macht dieser Laden ja was falsch, bin ich auf amazon.de gegangen und hab 5 Gläser Hipp-Kost und 5 Packungen Brei-Pulver in einen Warenkorb gepackt (das System wird mir jetzt ewig Babynahrung anbieten) und kurz vor der Bestellung einen Screenshot gemacht (zum Vergrößern bitte anklicken):

3,95 € sind tatsächlich, ich hab es nachgerechnet, 7% von 56,15 €.

Auch der ScienceBlogger Christoph Larssen war natürlich nicht untätig: Er verlinkte in seinem Artikel und zusätzlich unter einem Facebook-Eintrag von mir (Larssons Kommentare dort sollte man unbedingt nachlesen, sie haben einen gewissen Unterhaltungswert) mehrere Artikel von Focus Finanzen, rp-online und ähnlichen – und beteiligte sich so weiter an der Verbreitung der “Urban Legend”.

Was zählt, ist aber nicht, was jemand schreibt und abschreibt und wieder abschreibt, was verlinkt und wieder verlinkt wird, sondern was man wirklich zahlt. Und das erfährt man an der Kasse, im richtigen Leben, ob nun online oder im Supermarkt. Ich hätte gedacht Wissenschaftsblogger wehren sich gegen Moderne Märchen, Sagen und gerüchte, indem sie die Fakten überprüfen. Das Gegenteil ist der Fall.

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