Tod eines Löwen

Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass ein Amerikaner in Zimbabwe einen Löwen erschossen hat. Er tat dies offenbar nicht in Notwehr oder aus anderen, irgendwie nachvollziehbaren Gründen, sondern einzig um des Tötens Willen. Die Präsidentin der internationalen Tierschutzorganisation PETA hat daraufhin in einer kurzen Stellungnahme die Todesstrafe für den Jäger gefordert. Diese Forderung hat nun ebenso wie die Tötung des Löwen selbst für Empörung in den Sozialen Medien gesorgt.

Die Präsidentin ist Amerikanerin. In Amerika ist die Todesstrafe bekanntlich die Höchststrafe für Mord. Es ist etwas anderes, ob jemand in Deutschland, wo die Todesstrafe bekanntlich abgeschafft ist, so eine Forderung aufstellt, oder in einem Land, in dem der Tod des Täters als gerechte Strafe für die Ermordung eines Menschen angesehen wird.

Fragen wir also: Ist eine Bestrafung, wie sie für Mord vorgesehen ist, für die Tötung eines Tieres aus purem Vergnügen angemessen?
Es gibt gute Gründe, zwischen der Tötung eines Menschen und der Tötung von Tieren Unterschiede zu machen. Tiere dienen dem Menschen als Nahrung. Auch wenn manche meinen, dass wir auch ohne Fleisch leben können – die Jahrtausende währende Praxis hat das Töten und Essen von Tieren legitimiert, zumal bekanntlich auch Tiere andere Tiere töten und fressen, um satt zu werden. Gleichzeitig ist aber das Töten von Menschen zum Zwecke des Essens tabuisiert. Das gilt zwar nicht überall und zu allen Zeiten, aber in jedem Falle in unserer modernen, humanistisch konstituierten Gesellschaft. Es wäre ein interessantes Thema, die Bedeutung dieses Tabus genauer zu bedenken – aber für hier und jetzt genügt es, um deutlich zu machen, dass es grundsätzlich Unterschiede gibt zwischen der Tötung eines Tieres und der Tötung eines Menschen.

Diese Unterscheidung finden wir auch, wenn es darum geht, eine Gefahr für Menschen abzuwenden, sei es eine Lebensgefahr, oder auch nur die Gefahr für die Enten, die der Mensch selber essen und deshalb vor dem Fuchs beschützen will.

Weiterhin finden wir diese Unterscheidung beim Beenden eines Leidens. Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss, so heißt es. Einen Menschen zu töten, um ihn von seinen Leiden zu befreien, käme uns nicht in den Sinn.

Das alles kann dazu führen, dass wir das Leben von Tieren insgesamt weniger achten als das von Menschen – und dass wirsch gar nicht anders können. Wir können die todkranke Katze nicht ebenso pflegen wie den todkranken Vater – und deshalb müssen wir bei der Katze eher bereit sein, sie töten zu lassen. Das wirkt sich auch auf die moralische Einschätzung anderer Tötungen von Tieren aus.

Und dennoch. Wir können und müssen nicht Rechtfertigungen von Tötungen, die akzeptabel sind, als Rechtfertigungen für alle Tötungen akzeptieren. Das tun wir bekanntlich auch bei Menschen nicht. Tötungen im Krieg oder in Notwehr können nicht zur Rechtfertigung von Morden herangezogen werden. Wir sind in der Lage, da zu unterscheiden.

So auch beim Tier. Und selbst wenn wir uns eingestehen, dass wir auch schon mal als Kind einen Frosch gequält haben, oder dass wir gerade gestern eine Spinne zerquetscht haben, die wir auch hätten Leben lassen können: es gibt doch einen riesigen Unterschied zwischen dem unnötigen Töten eines Insekts (auch darüber lohnt es sich allerdings nachzudenken) und dem Überlisten, Jagen und Töten eines Löwen.

Dieser Unterschied ist für jeden offenbar, er wird auch vom Jäger akzeptiert, ja er ist für ihn sogar wesentlicher Grund der Jagt und der Tötungsabsicht. Der Löwe wird als Individuum, als selbständiges Wesen angesehen. Er ist ein Subjekt, das Leben will, das fürchtet, das Ziele hat, das Schmerzen und Angst kennt, das sie wehrt, um weiterleben zu können. Das macht es dem Jäger überhaupt jagenswert.

Der Löwe ist ein Wesen wie er selbst, er ist ebenbürtig.
Damit ist aber das Töten eines Löwen – oder eines Bären, eines Affen, eines Hirsches – in diesem Moment genau das Gleiche wie das Töten eines Menschen. Wie gesagt, es geht nicht um Notwehr, nicht um Nahrungserwerb oder Sicherung eines „natürlichen Gleichgewichts“. Es geht darum, dass der Jäger ein Wesen töten will, weil es von ihm als ebenbürtig angesehen wird, und weil er genau aus dieser Ebenbürtigkeit seinen Stolz auf den Jagderfolg zieht.

Warum aber sollten wir akzeptieren, dass ein Mensch, um seinen Tötungswunsch zu befriedigen, ein Wesen umbringt, das Angst und Freude kennt wie wir, das Lebenswillen hat, das leidet? Dafür gibt es keine Rechtfertigung. Im Gegenteil, wir müssten uns fragen, warum wir das akzeptieren, während wir es radikal ablehnen, wenn das Opfer ein Mensch ist.

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